China,Gesichtserkennung,Netzwelt

Gesichtserkennung in China

Veröffentlicht von

Von Überwachung bis zum Bezahlen

Wie China die Gesichtserkennung schon nutzt

Berlin- Lange galt Großbritannien als Vorreiter in Sachen Videoüberwachung. Doch China läuft Europas Überwachungsland Nummer 1 mittlerweile den Rang ab.

Alleine bei einem Bierfest in Qingdao identifizierte die örtliche Polizei via Gesichtserkennung 25 landesweit gesuchte Straftäter, 37 Taschendiebe und 19 Drogenhändler.

Das Bierfest war sein Verhängnis. Als um acht Uhr abends ein Mann mit Bürstenhaarschnitt die Qingdaoer Festivalzelte betreten wollte, erfasste ihn die Gesichtserkennungssoftware am Eingang und meldete: Es bestehe eine 98 prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es sich hierbei um einen seit 2008 gesuchten Menschenhändler handle. Die Polizisten musste nur noch seine Identität endgültig verifizieren, dann war seine zehnjährige Flucht zu Ende.

Wer in manchen chinesischen Städten versucht, bei Rot über die Straße zu gehen, muss damit rechnen, in Echtzeit an den öffentlichen Pranger gestellt zu werden. Vergleichsweise harmlos erscheint es dagegen, bei einem Ladenbummel in Peking von maßgeschneiderten Werbeeinblendungen begrüßt zu werden, die ein System automatisch anhand von „Alter, Geschlecht, Stimmung, Attraktivität und der größten Ähnlichkeit mit einer Berühmtheit“ ermittelt. Dahinter steckt Videoüberwachung mit Gesichtserkennung, die in China keine dystopische Zukunftsvision mehr ist, sondern zunehmend Teil des Alltags wird.

Zum Einsatz kommt die Technik sowohl in privaten als auch in öffentlichen Einrichtungen; mal lokal, mal vernetzt mit einer zentralisierten staatlichen Datenbank, die Bilder sämtlicher chinesischer Bürger enthält. Von immer zuverlässiger funktionierender künstlicher Intelligenz ausgewertet werden außerdem die Bilder, welche die 700 Millionen chinesischen Internetnutzer auf sozialen Plattformen wie Weibo posten.

 

Next-Level Surveillance: China Embraces Facial Recognition

Die Pläne der chinesischen Regierung

Zum System der Regierung ist bisher nicht mehr als die Direktive bekannt. Diese legt den Rahmen fest: Bis 2020 soll das „social credit system“ alle Einwohner_innen der Volksrepublik erfassen. Es überwacht auch produzierende Unternehmen, Handelssunternehmen, die Finanzbranche und verschiedene Dienstleister. Für Beamte und Richter soll es separate „sincerity dossiers“ geben, verknüpft mit dem persönlichen Profil. Die Identifizierung erfolgt über die Ausweisnummer, gespeichert wird in einer zentralen Datenbank. Damit werden alle Personen und Organisationen umfassend durchleuchtet, Algorithmen werden auch Vermögensdaten und Angaben über gezahlte Steuern sammlen und auswerten.

Bei diesem System zur Verbesserung der „Selbstdisziplin“ und des „gegenseitigen Vertrauens“ dürfen auch Sanktionsmechanismen nicht fehlen.

Foto: Reuters