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Pandemie – Durch Tod verlorene Lebensjahre

Veröffentlicht von Presse

COVID-19-Krankheitslast in Deutschland im Jahr 2020

Berlin- Das Coronavirus SARS-CoV-2 und die COVID-19-Erkrankung haben durch einen pandemischen Verlauf sowie die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung die Lebensumstände der Menschen im Jahr 2020 stark bestimmt. Die Ausbreitung der Infektion mit teilweise schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen hatte sich zwischenzeitlich deutlich verlangsamt, in den Herbst- und Wintermonaten aber an Dynamik und Schwere wieder zugenommen (1). Um die Krankheit zu kontrollieren und das Risiko für die Bevölkerung abzuschätzen, bedarf es verlässlicher Informationen. Neben Todesfällen, Inzidenz oder Hospitalisierungsrate sollten auch Indikatoren der Krankheitslast („burden of disease“) herangezogen werden, um Auswirkungen von Mortalität und Morbidität auf die Bevölkerungsgesundheit in einem Indikator zusammenzufassen.

Ziel der Arbeit ist es, verlorene Lebensjahre durch COVID-19 für Deutschland anhand dreier Indikatoren zu schätzen: Todesfälle bilden die durch Tod verlorenen Lebensjahre („years of life lost“, YLL) ab. Da Todesfälle im jüngeren Alter einen größeren Lebenszeitverlust verursachen, werden bevölkerungsbezogene Auswirkungen von Erkrankungen durch YLL umfassender abgebildet als durch Todesfälle. Zweitens können verlorene Lebensjahre durch krankheitsbedingte Einschränkungen (Morbidität) berechnet werden („years lived with disability“, YLD), indem Erkrankungsschwere wie auch -dauer berücksichtigt werden, um morbiditätsbedingte Auswirkungen auf die Bevölkerungsgesundheit genauer abzubilden als durch Fallzahlen. Beide Indikatoren bilden das Summenmaß DALY („disability-adjusted life years“). Der Beitrag folgt diesem Aufbau, indem im Methoden- und Ergebnisteil die YLL sowie YLD und dann die DALY thematisiert werden.

Methode

Zur Berechnung der Krankheitslast wurden alle im Jahr 2020 bis zum 18. Januar 2021 an das Robert Koch-Institut übermittelten laborbestätigten SARS-CoV-2-Fälle analysiert (eMethodenteil 1). Neben Melde- und Sterbedatum, Alter und Geschlecht soll laut Falldefinition auch übermittelt werden, ob COVID-19 im Fall des Versterbens maßgeblich zum Tod beigetragen hat oder ob der Tod hauptsächlich auf andere Todesursachen zurückzuführen ist (4). Sowohl bei der Meldung der SARS-CoV-2-Fälle als auch bei der Erfassung des klinischen Verlaufs oder Vitalstatus entsteht ein zeitlicher Verzug von etwa zwei bis drei Wochen. Für den Vitalstatus besteht eine annähernde Vollständigkeit der Angaben für das Jahr 2020. Die Berechnung der Krankheitslast von COVID-19 beruht auf Vorarbeiten aus dem Projekt BURDEN 2020 – Die Krankheitslast in Deutschland und seinen Regionen.

Durch Tod verlorene Lebensjahre (YLL)

Die durch Tod verlorenen Lebensjahre (YLL) errechnen sich als Summe der statistischen Restlebenserwartung aller Verstorbenen in Jahren und werden einzelnen Todesursachen zugeschrieben. Vorerkrankungen bei COVID-19-Verstorbenen werden nicht berücksichtigt (eMethodenteil 2 und 3). Die Berechnungen basieren auf den übermittelten Sterbefällen unter den Sars-CoV-2-Meldefällen (eGrafik 1 und 2). Um eine Überschätzung zu vermeiden, werden nur Sterbefälle einbezogen, bei denen COVID-19 als Ursache übermittelt wurde (eMethodenteil 1). Zur Einordnung in die Gesamtsterblichkeit werden – basierend auf der Todesursachenstatistik 2017, dem Berichtsjahr der Studie BURDEN 2020 – die YLL anderer Krankheiten herangezogen. Dargestellt werden die fünf nichtübertragbaren Erkrankungen (NCD) mit den meisten YLL – ischämische Herzerkrankungen, Trachea-, Bronchial- und Lungenkrebs (kurz Lungenkrebs), Schlaganfall, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (kurz COPD), Kolon- und Rektumkrebs (kurz Darmkrebs) – sowie zusätzlich untere Atemwegsinfekte (eMethodenteil 2). Berichtet werden absolute Werte, YLL pro 100 000 Einwohner und Durchschnittswerte pro Person. Um die Dynamik der COVID-19-Pandemie abzubilden, erfolgt die Darstellung der YLL zudem tagesgenau und über Mittelwerte (7-Tage-Mittel, kumuliertes Mittel). Zu Vergleichszwecken werden zudem Tagesmittelwerte für COVID-19 (2020) und die Vergleichserkrankungen (2017) ausgewiesen. Die Saisonalität insbesondere der unteren Atemwegsinfekte wird dadurch nivelliert.

Ergebnisse

Datengrundlage

Von den bis zum 18. Januar 2021 an das Robert Koch-Institut übermittelten Fällen mit einem SARS-CoV-2-Nachweis konnten für das Jahr 2020 1 748 644 Fälle differenziert nach Melde- und gegebenenfalls Sterbedatum, Alter, Geschlecht, Schweregrad und Vitalstatus in die Analysen einbezogen werden (eMethodenteil 1, eGrafiken 1 und 2). Darunter waren 920 277 Frauen (52,6 %) und 828 367 Männer (47,4 %). In den Meldedaten für 2020 gab es insgesamt 38 641 Todesfälle, bei denen in 31 638 Fällen (81,9 %) COVID-19 als Todesursache übermittelt wurde. Auf Männer entfielen 52,6 % dieser Todesfälle, 89,0 % der Verstorbenen waren 70 Jahre oder älter.

Durch Tod verlorene Lebensjahre (YLL)

Insgesamt gingen im Jahr 2020 durch COVID-19-Todesfälle in Deutschland 303 608 Lebensjahre verloren. Auf Frauen entfielen 121 114 (39,9 %) und auf Männer 182 494 YLL (60,1 %). Durchschnittlich verlor jede verstorbene Person 9,6 Lebensjahre; Frauen verloren weniger Lebensjahre als Männer (8,1 versus 11,0 Jahre). Bis zum 8. April 2020 stiegen die Zahlen auf etwa 2 300 YLL täglich an und blieben bis zum 17. April 2020 weitgehend konstant. Ab Ende April sank die Zahl der YLL auf ein sehr niedriges Niveau und stieg ab Oktober wieder (Grafik 1). Unter der Annahme geringfügiger saisonaler Schwankungen der NCD-Mortalität lässt sich auf Basis der Todesursachenstatistik vermuten, dass die Zahl der YLL durch COVID-19 für einige Tage höher war als die Zahl der tagesmittleren YLL infolge wichtiger NCD sowie unterer Atemwegsinfekte in 2017 (Grafik 1, rote Linie). Die kumulierten Mittelwerte legen nahe, dass sich die COVID-19-Krankheitslast durch Versterben bis Dezember unterhalb der 2017 für diese Erkrankungen gemessenen Tagesmittelwerte einpendelte (Grafik 1, grüne Linie). Ab Dezember überstieg der kumulierte Mittelwert und damit auch das Gesamtjahresmittel (blaue Linie) für COVID-19 die YLL für die unteren Atemwegsinfekte aus 2017, blieb aber unterhalb der YLL für die wichtigsten nichtübertragbaren Erkrankungen.

Mit dem Alter nahm bei Personen mit COVID-19 die Zahl der YLL zunächst zu. Mit Ausnahme der 90-Jährigen und Älteren wiesen Männer einen deutlich größeren absoluten Verlust an Lebensjahren durch COVID-19 auf als Frauen. Bei den 90-Jährigen und Älteren gingen die YLL bei beiden Geschlechtern in absoluten Zahlen stark zurück. Relativ betrachtet stiegen die YLL bis ins hohe Alter weiter an.

Aufgrund der höheren Restlebenserwartung jüngerer Verstorbener entfiel im Jahr 2020 dennoch ein relevanter Anteil der YLL durch COVID-19 auf die Gruppe der unter 70-Jährigen. Bei Frauen entstanden 20,6 % und bei Männern 34,6 % der durch Tod verlorenen Lebensjahre vor Vollendung des 70. Lebensjahres. Im Mittel verloren diese Personen 25,2 Lebensjahre.

Die Sensitivitätsanalyse zeigt zeitlich anschließend an die Influenzawelle 2019/2020 eine geschätzte Übersterblichkeit von Ende Februar bis Anfang April und ab Ende Oktober, insbesondere für 70-Jährige und Ältere. Dazwischen stimmt die beobachtete Sterblichkeit relativ gut mit dem zu erwartenden Verlauf der Hintergrund-Sterblichkeit überein, unterbrochen von einer hitzebedingten Übersterblichkeit im August. Verglichen mit den Vorjahren verlief die Übersterblichkeit im Frühjahr etwa auf dem Niveau der Influenzawelle 2019 und war im Herbst ähnlich wie in den Influenzawellen 2017/2018 ). Insgesamt korrespondieren die übermittelten COVID-19-Sterbefälle und die Übersterblichkeit gut miteinander. In Zeiten einer besonders hohen Übersterblichkeit, in den Kalenderwochen 14 und 15 und seit Kalenderwoche 49, lag die Übersterblichkeit allerdings über der Zahl der übermittelten COVID-19-Sterbefälle

Alle Informationen und Grafiken finden Sie hier.

Redaktionelle Anmerkung: Dieser Artikel erschien in der Ärzte Zeitung unter den Namen: COVID-19-Krankheitslast in Deutschland im Jahr 2020

 

Deutscher Ärzteverlag GmbH, 27.02.2021, Foto: Systembild Durch Tod verlorene Lebensjahre © Geralt