Das Schweigen der Mitschuldigen

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Künstler schweigen auch zu Corona, weil sie Angst vor ihrem Publikum haben – von dem brauchen sie Ermutigung

Ich sorge mich um Euch. Wirklich. Seit einem Jahr geht fast nichts — kein Theater, kein Konzert, keine Lesung, kaum ein Live-Event, das Blut in die Adern pumpt, die Seele beruhigt, die Phantasie beflügelt, den Geist anregt oder den Eros belebt, kurzum: das Leben zu dem macht, was es immer sein wollte — ein sinnliches Gesamterlebnis.

Euch muss es schlecht gehen. Ihr seid, wie wir Künstler, eines Grundnahrungsmittels beraubt worden. Ihr müsst, wie wir, Entzugserscheinungen haben. Die heilende Medizin zwischen Alltag und der Pause davon, zwischen Realität und Schwärmerei, die Brücke zwischen Wahn und Sinn, ein Naturheilmittel, das die Kraft hat, uns wiederzubeleben und uns die Möglichkeit gibt, uns immer wieder neu zu entdecken — die Kultur — weg.

Man hat Euch bestohlen, uns allen ständig beteuert, die Kultur käme natürlich zurück, aber jetzt ginge es halt nicht. Aus dem Jetzt wurde fast ein Jahr.

Wenn die Tore doch geöffnet wurden, dann nur für kurze Zeit, wenn es warm war, wenn sich die Viren ausruhten und in den Sommerschlaf fielen. Konzerte gab es dann ein paar, aber nur unter sehr obskuren Bedingungen:

Abstand halten! Nicht laut klatschen und bloß nicht mitsingen, viel zu gefährlich! Sich nicht vor Freude in die Arme fallen, nicht frenetisch jubeln, nicht nach dem Konzert Backstage mit dem Künstler abhängen.

Nein, wenn überhaupt, dann so:

In Zweiergruppen sitzen! Beim Eintritt Maske auf, beim Konzert — je nach Laune der Ministerpräsidenten — auch mal ohne. Aber dann, das muss doch jeder verstehen, der ein halbwegs funktionierender Bürger ist, wie Richard David Precht, nicht laut „Zugabe!“ rufen, sondern lieber ein freundlich, mitleidiges Lächeln in Richtung Bühne schicken. Das wird jetzt als gutgemeinter Solidaritätsakt mit den Risikogruppen verstanden, staatlich angeordnet. Ist doch schön, dass man überhaupt wieder auf die Bretter darf — dann also keine Zugabe, bloß nichts übertreiben, sonst steigt das Infektions- und Spaßrisiko. Nach dem Konzert mit angezogener Handbremse schön mit Maske zurück nach Hause. Auf dem Weg dahin im besten Fall die Luft anhalten und unter keinen Umständen husten, sonst ist das Image eines solidarischen Bürgers in Sekunden weggehustet. Erbärmlich.

Wenn es zu anstrengend wird, die ständig verschärften Hygieneregeln zu befolgen, dann beim nächsten Anzeichen von Kulturentzug vielleicht doch lieber die Dokumentation über die Eagles, Metallica oder Michael Jackson anklicken? Wäre so viel entspannter, kein Stress mit den offiziellen und den selbsternannten Masken-Sheriffs auf dem Weg zur S-Bahn oder im Konzertsaal. Netflix hat für jeden was dabei, von Doku bis Horror — wer braucht da noch eine lebendige Kulturszene?

Nein, das ist keine Persiflage oder Dystopie — es ist die Realität für Publikum und Künstler seit Freitag, dem 13. März 2020.

Ich weiß, wir hatten alle immer eine Art Urvertrauen, dass es genug Künstler geben wird, die in Krisenzeiten aufbegehren und für verbale Randale sorgen, sich auflehnen, sich widersetzen. Aber leider hat der Corona-Kult auch die Kunst- und Musik-Szene erfasst.

Das hat Folgen. Online-Konzerte, beim Auftritt auf Kameras glotzen — sexy. Viele Kollegen denken leider eher darüber nach, wie viele Fans sie verlieren könnten, wenn sie sich laut beschweren, als aktiv an der Veränderung ihrer eigenen Situation mitzuwirken. Darum brauchen wir jetzt Euch, verehrtes Publikum, mehr als je zuvor, denn es gibt nicht genug Künstler, die sich trauen.

Nicht jeder Grund für ihr Schweigen ist völlig unverständlich, es stehen Existenzen auf dem Spiel. Dazu kommt, dass sich einige Kollegen eher als Dienstleister verstehen, sich mit ihrer Kunst noch nie politisch geäußert haben und jetzt wahrscheinlich auch nicht damit anfangen werden.

An das Publikum:

Vielleicht würdet Ihr ihnen helfen, sich aus der Deckung zu wagen, wenn Ihr zeigt, dass Ihr ihnen treu bleibt. Sie haben in ihrer Angst, Euch zu enttäuschen, eines übersehen: Man kann sein Publikum auch verlieren, wenn man schweigt.

  • Jetzt geht es um Euch, liebes Publikum. Und ganz ehrlich, auch wenn Ihr mir das übel nehmen werdet: Ich bin, gelinde gesagt, enttäuscht — zumindest von einem Teil von Euch.
  • Sind wir nichts anderes als Pausenclowns, die zwar das Leben stimulieren, wenn sie da sind, aber nicht wirklich fehlen, wenn sie weg sind?
  • Sind wir kaum mehr als ein netter Zeitvertreib, den man jetzt auf unbestimmte Zeit mit Serien ersetzen kann?
  • Warum fordert Ihr nicht die sofortige Wiederaufnahme aller Theaterstücke, die Wiederbelebung der Konzertszene, das Öffnen aller Auftrittsorte?
  • Was sind wir für Euch? Luxusgüter, die man für die Illusion von Sicherheit aufgibt?
  • Ihr nehmt in Kauf, dass die ganze Kulturszene den Bach runtergeht — mit der Begründung, dadurch die Oma retten zu wollen. Habt Ihr sie mal gefragt, ob sie das will?
  • Vielleicht möchten die Großeltern lieber ins Theater gehen und die neueste Inszenierung von Brechts „Mutter Courage“ sehen, anstatt in Isolation zu versauern und darauf zu warten, dass die Welt coronafrei wird.
  • Die Welt wird nie coronafrei sein — ebenso wenig, wie der Mensch die Schwerkraft abschaffen kann. Manche Dinge entziehen sich unserem Einfluss.
  • Es genügt bei weitem nicht, mehr Geld für uns zu fordern, wie es die „Alarmstufe Rot“ tut. Das wird nicht reichen und ist zu kurz gedacht. Um zu überleben, brauchen wir mehr.
  • Es geht um geistige Nahrung, um Austausch, Kreativität und Ausdruck. Es geht um die kulturelle DNA.
  • Eines sei noch gesagt, damit wir uns nicht missverstehen: Wer generell Angst vor Krankheiten hat und in diesem speziellen Fall die Bedrohung durch einen Virus fürchtet, hat mein volles Verständnis. Jede Angst ist für den, der sie hat, real — völlig egal, ob es sich um eine objektive Bedrohung oder subjektive Furcht handelt. Nur sollte das eigene Narrativ nie zur Bewertungsskala für die Allgemeinheit werden.

Ich verstehe auch, dass jeder seine eigene Aufwachgeschwindigkeit hat. Lasst Euch aber nicht zu viel Zeit, denn wir stehen nicht ewig zur Verfügung.

Fast ein Drittel meiner Kollegen aus der freien Szene hat ihre Berufung bereits an den Nagel gehängt — und es werden immer mehr, die das Herumkrebsen von einer Soforthilfe zur nächsten satthaben und Euer Schweigen als Zeichen dafür sehen, dass sie anscheinend nicht systemrelevant sind.

Zeigt ihnen, dass sie sich irren, sonst war‘s das mit uns!

Über den Autor Jens Fischer Rodrian

Er ist ist Musiker, Komponist, Produzent, Lyriker, freier Autor und Kreativdirektor der Blue Man Group. Nach vier instrumentalen Soloalben erschien 2017 sein erster Gedichtband „Sich kurz fassen — ach“, 2019 folgte das Spoken Word Album „Wahn & Sinn“. Für den Kurzfilm „Stiller Löwe“ bekam er auf dem renommierten Festival International du Film D‘Aubagne den Hauptpreis für die beste Musik. Von 2012 bis 2019 war er als Musiker live mit Konstantin Wecker zu hören. Seit 2017 tourt er mit seiner Konzertlesung WAHN & SINN durch den deutschsprachigen Raum. Seit 2020 ist er Mitglied der Partei dieBasis. Jens Fischer Rodrian lebt mit seiner Familie in Berlin. Weitere Informationen unter wahnundsinn.com.

 

Initiative zur Demokratisierung der Meinungsbildung gGmbH/Jens Fischer Rodrian © Christopher Ross