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#allesdichtmachen – Vom Umgang mit Meinungen

Veröffentlicht von Presse

#allesdichtmachen – Jeder hat ein Recht auf die eigene Meinung

Es wird niedergemacht, bepöbelt, nicht mehr angehört – und am Ende ist das Gegenüber ein Ausgegrenzter. Als wäre es kein Mensch mehr, der es verdient hat, gehört zu werden. Ausgegrenzt von all jenen, die sich der eigenen Wahrheit so sicher sind, dass sie jeden Anstand, jede Empathie und jeden Respekt für andere Menschen einfach fahren lassen. Klar haben wir Meinungsfreiheit. Aber: Wie viel Anfeindung, wie viel Shitstorm erträgt jemand, der sich als Teil dieser Gesellschaft, dieses freiheitlichen Staates begreift? Und wie verhalten sich diejenigen, die sehen, was passieren kann, wenn man das vermeintlich Falsche sagt? Es ist jetzt an den Menschen in diesem Land, die an Differenzierung interessiert sind, dass die Meinungsfreiheit nicht zwischen zwei immer lauter werdenden und eifernden Polen aufgerieben wird.

Medienkritik

Schließlich und drittens ist in den vergangenen Jahren ein noch diffuseres Lügenpresse-light-Milieu entstanden, geprägt durch ein gemeinsames Unbehagen am etablierten Journalismus. Wie sehen die Denkmuster dieses Milieus aus? Man stellt sich Journalisten als übermächtige, autoritär agierende Gatekeeper vor, die kontrollieren, was gesendet und gedruckt wird, und letztlich auch bestimmen, was sagbar und politisch durchsetzbar scheint. Macht und Einfluss werden hier in Gestalt von rostigen Kampagnentheorien aus einer vergangenen Medienepoche strikt vordigital gedacht, isoliert, personalisiert, orientiert an klar identifizierbaren Monopolen der Meinungsbildung.

Diese Erkennungsvokabel aggressiver Medienverdrossenheit lehnt dieses Milieu zwar einerseits als überzogene Attacke ab, flirtet jedoch andererseits nach Kräften mit dem großen Verdacht: Es werde in der Regel nicht direkt gelogen, so heißt es, aber doch die Wahrheit systematisch gebeugt – manchmal nur durch das gezielte Verschweigen, die Auslassung oder eben durch die Dauerbeschallung mit dem Gerede derjenigen, die man “Gutmenschen” oder “Pädagogen” und “Volkserzieher” nennt.

Das Spiel mit dem großen Verdacht

In der Regel formulieren Jounalisten aber eine sehr viel undeutlichere und spielerischer vorgetragene Manipulationstheorie, die sich der konkreten empirischen Prüfung durch den pauschalen Angriff entzieht. Man weiß oft nicht: Spricht man im Ernst oder redet man nur voller Selbstgenuss, berauscht vom Gefühl der eigenen Radikalität, einfach laut vor sich hin?

Meinungsvielfalt nicht erwünscht

Die Aktion #allesdichtmachen hat für viel Aufregung gesorgt. Denn was witzig daherkommt, ist noch lange keine Satire. Aber es verweist auf denjenigen, der hinter der Aktion steckt.

Am 22. April ging die Aktion #allesdichtmachen.de online, in der Prominente wie Jan Josef Liefers, Heike Makatsch oder Ulrich Tukur in insgesamt 53 Spots auftraten, um sich über die Coronapolitik der Bundesregierung ironisch zu mokieren. Die Hintergründe der Gruppenaktion werden nach Recherchen des „Tagesspiegel“ eine Woche später klarer: Zentral für die Aktion war der „Tatort“-Regisseur Dietrich Brüggemann, der zugleich Verbindungen in die Querdenker-Szene pflegt.

Vorgefertige Texte

So wurde am Wochenende ein Song entdeckt, den Brüggemann unter dem Namen Noisy Nancy veröffentlicht hatte und der als Soundtrack auf Demonstrationen der Querdenker zum Einsatz kommt, die mittlerweile vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Anders als die Aktion, bei der der schlecht kalkulierte Einsatz von ironischen und satirischen Mitteln zu Verwirrung führte, lässt dieser Song (“Steckt euch euren Polizeistaat in den A.”) keine Uneindeutigkeit zu.

Geplant wurde die Aktion wie ein Filmdreh. Den Beteiligten, ein Viertel von ihnen stand schon mindestens einmal vor der Kamera eines Brüggemann-Films, wurden Texte angeboten. „Tatort“-Regisseur Tom Bohn erklärte gegenüber der „Welt“, ebenfalls Schauspieler angesprochen zu haben. Eigene Beiträge, die von der Linie der Texte abwichen, wurden nach Angaben eines angefragten Schauspieles, den der „Tagesspiegel“ zitiert, nicht zugelassen.

Während also #allesdichtmachen nach außen „verengte Diskursräume“ beklagt, ist Meinungsfreiheit und -vielfalt innerhalb der Gruppe nicht erwünscht. Es ging den prominenten „Tatort“-Gesichtern nie darum, auf die schwierigen sozialen Bedingungen etwa von Selbstständigen in der Kunst oder den Kultureinrichtungen wie Kinos zu verweisen.

Wenn also die Beteiligten auch aus Überzeugung mitgemacht haben – das Vertrauen in die Macher und darin, dass das Projekt so elegant funktionieren würde, wie von diesen angekündigt (“Jegliche Kritik läuft an uns ab wie Wasser am Lotusblatt. Denn wir unterstützen die Corona-Maßnahmen”), dürfte vielleicht enttäuscht sein?

 

Straubinger Tagblatt/ Deutschlandfunk/PSM, Foto: Mainstream Meinung unerwünscht © IStock

Ein Kommentar

  1. Voltaire hätte dieser Tage reichlich Stoff zum Schreiben und auch der frühsurrealistische Bühnenautor Alfred Jarry mit seiner genialen Satire ‘Ubu Roi’, in der Jarry politische Willkür, Heuchelei, die Absurdität und Banalität der Mächtigen, und nicht zuletzt Machtgier, Skrupellosigkeit und Opportunismus der sogenannten “journalistischen Vertretern der öffentlichen Meinung” geißelt, würde sich bestätigt fühlen, oder vielleicht auch ein neues geniales satirisches Meisterwerk schreiben. Mit Rollen und Nebenrollen für Spahn, Merkel, Drosten, Wieler, Duin und Maischberger. Sowohl ‘Ubu Roi’ als auch das Folgestück ‘Ubu Enchaîné’ wurden übrigens im Theater ‘Maison Jarry et Morin’ als Marionettenspiele aufgeführt – Eine sehr interessanter und symbolstarker Kunstgriff. Die ‘Neue Realität/Normalität’ und Jarrys Theaterstücke haben unzweifelhaft eines gemeinsam: Sie sind so traurig und urkomisch zugleich, dass ich nicht weiß, ob ich weinen oder lachen soll. Am Besten vielleicht beides.

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