Äthiopien – Kinder leiden unter schweren Traumata

Äthiopien – Kinder leiden unter schweren Traumata

Veröffentlicht von PSM.Media

Äthiopien nach dem Bürgerkrieg: Psychologische Hilfe wichtigste Investition in den Frieden

Mekelle. Der Bürgerkrieg im Norden Äthiopien gilt als einer der tödlichsten Konflikte der jüngsten Zeit. Fünf Monate nach Unterzeichnung des Friedensabkommens zeigt sich nach Angaben der SOS-Kinderdörfer: Ein Großteil der Kinder sowie Erwachsenen leidet unter Traumata.

Teresa Ngigi, Chefpsychologin der SOS-Kinderdörfer, hat als eine der ersten Psycholog:innen die Region Tigray nach dem Krieg besucht. Sie sagt: “Es sind Horrorgeschichten, die die Menschen erzählen. Frauen, auch junge Mädchen, berichten von furchtbaren Vergewaltigungen. Sie fühlen sich ihrer Würde und Menschlichkeit beraubt. Ein Vater erzählte mir von seinem 3-jährigen Sohn, der in permanenter Anspannung ist und bei jedem Flugzeug oder lautem Geräusch denkt, dass der Krieg wieder beginnt. Fast jeder hier hat Angehörige verloren. Auch viele Erwachsene sind immer noch im Schock, viele sind wütend. Sie trauen dem Frieden nicht.”

Über zwei Jahre lang hatten die Truppen der “Volksbefreiungsfront von Tigray” und der äthiopischen Regierung gegeneinander gekämpft. Es ging um Macht und Besitzansprüche. Mehr als 600.000 Menschen wurden getötet, mindestens 2 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Beobachter der Vereinten Nationen berichten von Kriegsverbrechen. Lange Zeit war die Region fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten, es mangelte an Lebensmitteln, Medizin, Brennstoff. Auch die Kommunikationswege wurden gekappt. Ngigi sagt: “Die Menschen fühlten sich verlassen. Sie hatten das Gefühl, dass es der Welt egal ist, ob sie leben oder sterben.”

Neben materieller Hilfe brauche es jetzt vor allem psychologische Unterstützung. “Andernfalls werden die Traumata und die Wut mit großer Wahrscheinlichkeit an die nächste Generation weitergegeben. Dann können wir damit rechnen, dass in 10 bis 15 Jahren der Krieg von vorne beginnt. Das müssen wir verhindern!”, sagt Ngigi.

Während ihres Aufenthalts hat sie mit Kindern, Müttern und Mitarbeitern der SOS-Kinderdörfer gearbeitet und ihnen Techniken gezeigt, um mit ihrem Trauma umzugehen, Resilienz und Selbstfürsorge zu stärken. Sie sagt: “Schon nach wenigen Tagen war Veränderung spürbar. Viele Menschen konnten die unheilvolle Dynamik von Traumata erkennen. Manche kamen zu mir und sagten, dass sie sich freier fühlen, nicht mehr so verbittert sind und dass sie angefangen haben zu vergeben.”

Psychologische Hilfe sei in großem Maße nötig – auch Schüler und Lehrer müssten unterstützt und vorbereitet werden, wenn sie wieder mit der Schule beginnen. “Sie können nicht einfach da anknüpfen, wo sie irgendwann aufgehört haben. Dazwischen liegt ein Krieg.” Ngigi sagt: “Die psychologische Unterstützung, die wir jetzt leisten, ist die vielleicht wichtigste Investition in einen langfristigen Frieden.”

Die SOS-Kinderdörfer unterstützen Kinder und Familien in Äthiopien seit Jahrzehnten. Verlassene Kinder bekommen wieder ein Zuhause, Familien werden dabei unterstützt, Not und Armut hinter sich zu lassen.

 

SOS-Kinderdörfer weltweit, Foto: Der Bürgerkrieg im Norden Äthiopien gilt als einer der tödlichsten Konflikte der jüngsten Zeit. Fünf Monate nach Unterzeichnung des Friedensabkommens zeigt sich nach Angaben der SOS-Kinderdörfer: Den Menschen mangelt es nicht nur an Nahrung und materiellen Gütern. Ein Großteil der Kinder sowie Erwachsenen leidet unter Traumata © SOS-Kinderdörfer weltweit